Der neue leichte Mehrzweckhubschrauber für das Österreichische Bundesheer

Erstellt von Oberst dG Reinhard Kraft || Niederösterreich

Im Vorfeld der Entscheidung über den neuen Hubschrauber des Bundesheers wurde viel über potentiell in Betracht kommende Hersteller diskutiert. Dabei wurde aber ein Denkfehler begangen, nämlich, dass nicht ein Hubschraubersystem gekauft werden soll, sondern ein strategischer Partner für eine Kooperation gesucht wurde. Die Kooperationsfelder umfassen dabei die Bereiche Beschaffung, Betrieb und Ausbildung.

Der neue leichte Mehrzweckhubschrauber wird also nicht klassisch über eine Ausschreibung beschafft, sondern über die „Common Procurement Initiative“ gemäß Mitteilung der EU-Kommission 2019/C157/01 vom 8. Mai 2019. Damit werden gemeinsame Beschaffungen im Rahmen von Kooperationen unter den Mitgliedsstaaten innerhalb der Europäischen Union ermöglicht.

Mit diesem „government to government“ – Geschäft, also einem Geschäft zwischen Regierungen unter Ausschluss jeglicher Lobbyisten, wird nicht direkt mit einem Hersteller ein Vertrag abgeschlossen, sondern eine Partnerschaft mit einem anderen Staat eingegangen. Für Österreich bedeutet dies, dass Österreich nicht 18 Hubschrauber bei Leonardo bestellt und kauft, sondern aus der Beschaffung von über 100 Hubschraubern des Typs AW169M für die Italienischen Streitkräfte und Sicherheitsbehörden 18 Stück erhält. Italien kauft somit 18 Stück mehr und gibt diese zu den gleichen Konditionen an Österreich weiter. Somit profitiert Österreich bereits durch einen geringeren Stückpreis, welcher sich aufgrund der weit höheren Bestellmenge ergibt. Die Finanzprokuratur, als Anwalt der Steuerzahler, hat diesen transparenten Prozess von Beginn an begleitet und garantiert damit einen absolut sauberen und korruptionsfreien Vertragsabschluss.

Weitere Vorteile ergeben sich noch aus Synergien in den Bereichen gemeinsame Ausbildung, gemeinsame Teilnahme an Einsätzen, Anerkennung der Lizenzen von Piloten und Technikern, wechselseitige Nutzung von Simulatoren, gemeinsame Übungen, Zusammenarbeit im Bereich Logistik, gegenseitige Unterstützung im Zuge der Katastrophenhilfe, gemeinsame Lagerhaltung, Unterstützung bei Güteprüfung und Zulassung sowie Zusammenarbeit im Lebenslauf der Systeme (Modifikationen, Weiterentwicklung usw.).

Im Zuge der Bewertung der Kooperationsfelder war nur Italien imstande, den für Österreich erforderlichen Zeitplan sicherzustellen. 2022 müssen bereits die ersten Hubschrauber geliefert werden, um die Ablöse der über 50 Jahre alten Alouette 3 ohne Lücken 2023 sicherstellen zu können. Die AW169M erfüllt dabei alle geforderten Fähigkeiten am Stand der Technik und wird für die nächsten Jahrzehnte zuverlässig einsatzbereit sein.

Für die Österreichische Pilotenausbildung bedeutet das neue Hubschraubersystem mindestens genauso viele Vorteile, denn die für die Pilotenausbildung zuständige Staffel muss auch Einsatzaufgaben erfüllen können. So wird neben der Ausbildung auch laufend an Assistenzeinsätzen, Auslandseinsätzen und bei Übungen im In- und Ausland teilgenommen. Die Ausbildungszeit wird sich deutlich reduzieren, da eine langwierige Umschulung auf ein „Einsatzmuster“ nach der Ausbildung entfällt. Dies und der Einsatz moderner Simulationssysteme verringert somit die effektiven Ausbildungskosten erheblich.

Das Österreichische Bundesheer wird mit Italien als strategischer Partner und mit der AW169M neue Wege beschreiten, um so auch zukünftig für die Österreichische Bevölkerung einen bestmöglichen Schutz gewährleisten zu können.

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Der Autor: Ing. Mag. (FH) Reinhard Kraft (geboren 1978 in Mistelbach) ist Oberst des Generalstabsdienstes. Er war zuerst dem Streitkräfteführungskommando in Salzburg zugeteilt. Ab 2015 Dienst in der Flieger- und Fliegerabwehrtruppenschule Langenlebarn bei Tulln; seit 2018 ist er dort Kommandant. Zahlreiche Übungen und Einsätze im Ausland, unter anderem in Afghanistan.
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18 Hubschrauber des Typs AW169M bekommt Österreich.
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Einige der Hubschrauber werden in Langenlebarn stationiert.